Die Forderung nach einer freien, selbstbestimmten Entscheidung der schwangeren Person, was mit ihrem Körper passieren soll, ist die zentrale Entgegensetzung zur herrschenden patriarchalen Rechtssprechung und gesellschaftlichen Praxis. Der Slogan „My body – my choice“ ist eine Antwort auf die alltägliche Selbstverständlichkeit, dass Menschen, insbesondere Frauen_ vorgeschrieben wird, was sie mit ihrem Körper tun dürfen und was nicht. Wie krass und kompromisslos die staatliche Kontrolle über die Körper der Staatsbürger_innen ist, wird an diesem Thema besonders offensichtlich.

Nach jahrzehntelangen Kämpfen der Frauen_bewegungen ist der §218 StGB heute das einzige Sondergesetz für Frauen_ in der BRD. (Dass die gesetzliche Gleichbehandlung faktisch ungleicher Statusgruppen zu einer Weiterführung der Diskriminierung beiträgt, zeigte schon ein Artikel in der MAUG.)

…Entscheidung?
Wie differenziert das Thema „freie Entscheidung“ ist, wurde den Frauen_bewegten schnell klar, als sie sich mit Gen- und Reproduktionstechnologie beschäftigten (siehe Materialien). Denn an der eugenischen Selektion von Spendersamen schon in den ersten Samenbanken in Westdeutschland, an den eugenischen Beratungsstellen und an dem Wunsch, möglicherweise behinderte* Kinder nicht zur Welt kommen zu lassen, zeigte sich eine anti-emanzipatorische Seite der „freien Entscheidung“. Heute sind diese eugenischen Träume noch selbstverständlicher geworden, Pränataldiagnostik ist beinahe widerspruchslos gesellschaftlich durchgesetzt worden – mehr noch: Schwangeren wird regelmäßig von Gynäkolog_innen nahegelegt, möglicherweise behinderte* Kinder nicht auszutragen. Dass die so genutzte Pränataldiagnostik dabei noch ein frauenfreundliches Image hat, ist leider plausibel: Tatsächlich sind Personen und Zusammenhänge, die für nicht-normgerechten Kinder sorgen, in dieser Gesellschaft besonderen Belastungen ausgesetzt: Finanziell, weil viele notwendigen technische und medikamentöse Hilfen nicht so einfach von den Krankenkassen übernommen werden oder nervlich, weil das Durchsetzen der eigenen Rechte, z.B. auf Unterstützung, viel Zeit und Kraft erfordern. Besonders fies sind die moralischen Purzelbäume, die seit der allgemeinen Durchsetzung der eugenischen Pränataldiagnostik geschlagen werden: Wer heute noch, trotz der Möglichkeit zur Abtreibung, ein sogenanntes behindertes* Kind bekommt, wird nun selbst dafür verantwortlich gemacht, den damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Problemen ausgesetzt zu sein. Der Staat spart Geld und freut sich über leistungsfähige Staatsbürger_innen.

„My body, my choice“ wirkt vor diesem Hintergrund nicht nur zynisch, sondern verdeutlicht auch die Misere, in die schwangere Personen gestoßen werden: Selbstverantwortlichkeit bedeutet im Neoliberalismus nichts als das grausame „Friss oder Stirb“. Die Vorstellung von einem von gesellschaftlicher Infrastruktur und vorherrschender Moral abgeschnittenen, isolierten Individuum, das „frei“ entscheidet, ist falsch, mehr noch: Diese Vorstellung trägt zur Durchsetzbarkeit staatlicher Interessen bei.

Diese neoliberale Wendung der Forderung nach eigener Entscheidung macht deutlich, dass zur Forderung „My body, my choice“ immer auch weitergehende Forderungen und Ideen gehören, die über einen individualistischen Ansatz hinausgehen. Dazu gehörten beispielsweise die kostenlose Abgabe von Verhütungsmittel an alle, genügend KiTa- und Kindergartenplätze, die finanzielle und zwischenmenschliche Unterstützung für Menschen mit Kindern, die Schaffung einer barrierefreien Infrastruktur, dem Zugang zu detaillierten Informationen über Körper, Sexualität und Abtreibung, die Einrichtung von parteilichen, nicht-religiösen, selbstverständlich freiwillig und kostenlos konsultierbaren Beratungsstellen.

… und Patriarchat…
Im heutigen Informationsmedium Nr. 1, dem Internet, ist auf deutschsprachigen Homepages fast keine gescheite, nicht-menschenverachtende Information über Abtreibung zu erhalten. Wie soll eine schwangere Person, die sich ergebnisoffen informieren möchte und die bei ihrer Entscheidung Unterstützung sucht, sich so „frei entscheiden“? Ohne Infrastruktur, die eine sichere und von geschulten Personal durchgeführte Abtreibung ermöglicht, ist eine „freie“ Entscheidung nicht möglich. In den von religiösen Gemeinschaften getragenen Kliniken wird die Hilfe verweigert, lange Anfahrtswege in andere Städte erschweren also den Abbruch zusätzlich.