Der Kampf um die Abschaffung des §218 wird aktuell von deutschsprachigen Feminist_innen, trotz verschlechterter rechtlicher Situation, stärker werdender Männerrechtsbewegung und evangelikaler Hetze, kaum noch geführt. Gründe dafür scheint es viele zu geben: Zum einen ist erscheint Abtreibung seit den 90ern als „irgendwie möglich“. Die Folge ist, dass das Thema individualisiert behandelt wird – und die Auffassung weiterhin vorherrscht, dass es ja kein Problem sei, in Deutschland eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Zum anderen herrschten in der feministischen Linken im letzten Jahrzehnt Debatten um sexuelle Identität, (De-)Konstruktion von Körper und queeren Interventionen vor, die den Fokus gerade weg vom determinierten, schicksalhaft weiblichen oder männlichen Körper lenkten. Schwangere Personen sind in besonderer Weise mit ihrer Körperlichkeit und ihrer sexuellen Identität konfrontiert – sie „sind“ Frauen, mehr noch, sie im Inbegriff, ihre klassisch-patriarchale weibliche Pflicht zu erfüllen: Mutter zu werden. Mehr Frausein geht quasi gar nicht. In Zeiten von Identitätskritik und Kritik am „Wir Frauen“ fällt hier das analytische Erfassen von Pro Choice und die politische Thematisierung von besonderer Betroffenheit bestimmter Personengruppen schwer.

Dass es bei dem geschlechtsspezifischen Sondergesetz §218 StGB und bei den Kämpfen auf einen selbstbestimmten Zugang zum eigenen Körper nicht um ein reines „Frauenthema“ handelt, sondern sich bei der Untersuchung des Verbots von Schwangerschaftsabbruch sehr schnell allgemeine bevölkerungspolitische Tendenzen, wie etwa die knallharte Durchsetzung staatlicher Zugriffsmacht auf die Körper der Staatsbürger_innen, zeigt, wie eng ProChoice-Kämpfe mit anderen emanzipatorischen Kämpfen verbunden sind:

-- Trans*kämpfe: Etwa das Recht auf eine Anpassung des eigenen Körpers an die Geschlechtsidentität und auf die selbstverständliche Kostenübernahme anstelle von Pathologisierung.

-- An jeder Abtreibung ist auch ein Mann_ beteiligt. Männer_ können mehr sein als nur solidarisch mit Frauen_, die abtreiben oder eine Abtreibung erwägen. Sie können politisch für die Abschaffung des Paragraphen sorgen. Sie können über ihren Anteil an reproduktiven Tätigkeiten (Windeln wechseln, waschen, Kinder zum Kindergarten bringen, nachts aufstehen, trösten, ins Bett bringen, Förderanträge stellen, sich über Kindererziehung informieren) nachdenken. Sie können sich über Verhütungsmethoden informieren und ihre Sexualität in Hinblick auf dadurch möglicherweise entstehende Schwangerschaften reflektieren.

-- Die Möglichkeit abzutreiben heißt, dass Körper kein Schicksal mehr ist. Dies ist ein Anklang an die queere Utopie, Körper gestalten zu können, statt ihm ausgeliefert sein.

-- Es können auch Personen schwanger werden, die sich gar nicht als Frauen identifizieren.

-- Das Verbot von Abtreibung wirkt auf die Sexualität von allen, die vielleicht schwanger werden können, zurück. Eine ungewollte Schwangerschaft wird heute, angesichts des neoliberalen Imperativs „Diszipliniere dich selbst“, zum individuellen Versagen. Obwohl keine Verhütungsmethode 100%ig sicher ist, und damit ungewollte Schwangerschaften logischerweise immer passieren können, hängt das Damoklesschwert „Verhütungspanne“ über (Hetero-)Sexualität. Patriarchale Moralvorstellungen sorgen dafür, dass insbesondere Frauen_ mit negativen Selbstbildern konfrontiert werden – vor denen sie sich nur mit einer kontrollierten und durchrationalisierten Sexualität schützen können. Denn im Zweifelsfall sind ja sie konkret, körperlich, betroffen.

- Auch bei staatlicher Drogenpolitik setzt der Staat konkret am Individuum durch, was er gerade für richtig hält. Wie wechselhaft diese scheinbar zeitlose staatliche Moral ist, zeigt sich bei den Debatten um die Entkriminalisierung von Sterbehilfe: Sobald eine Überalterung der Durchschnittsbevölkerung, und damit eine wirtschaftliche Belastung, „droht“, kann Sterbehilfe plötzlich moralisch legitim werden. Die Schnittmenge zu den Themen Drogenpolitik und Schwangerschaftsabbruch besteht darin, dass die Interessen und das Wohlergehen des Individuums keine Rolle spielen, obgleich Fürsprache für diese proklamiert wird.