Der „Mile of Style“ das Mikro klauen!

Kaum zu übersehen – an jeder Ampel wirbt die „Mile of Style“ mit ihrem Line-Up: Kollegah, Haftbefehl, Prinz Porno… Eigentlich wären die Typen echt keine Aufregung wert: Ihr Rumgemacker ist halt Standard-Rumgemacker („Ich nehm illegale Drogen, pose vor fetten Autos, pose mit Waffen und hab Geld“), ihr Sexismus ist halt Standard-Sexismus („Ich beschimpfe Frauen, ich hab schon mal ne nackte Frau gesehen, Frauen sind meine Statussymbole…“). Anlässlich des Konzerts von Kollegah im Modernes 2011 hat die Gruppe la.ok sich dessen Texte schon einmal ausführlicher vorgenommen und ihre drastischen homophoben und misogynen Inhalte kritisiert. Doch männliche Gangster-Rapper scheinen einfach nicht aus der Mode zu kommen. Gähn!

Trotz der musikalischen und biographischen Unterschiede haben die verschiedenen Rapper eine Sache gemeinsam: Selbst für bürgerliche Ideologie ist das, was sie in ihren Texten und Videos als Glücksversprechen inszenieren, ziemlich schäbig und traurig. Statt dass die Ich-Erzähler das schöne Leben in der Hänge- matte genießen und mit ihren Freund_innen eine gute Zeit haben, ist alles durchzogen von Bedrohung und Gewalttätigkeit (gegen Frauen*, Polizei, Konkurrent*innen…).

Die inszenierte Gewaltphantasie scheint im Gangster-Rap deshalb so wichtig, weil sie sowas wie eine verführerische Erzählung von der Rückeroberung der Kontrolle über das eigene Leben ist – ganz reaktionär gewendet. Wer sich innerhalb der kapitalistischen Verhältnisse nicht behaupten kann, sich die gesellschaftlichen Prozesse nicht erklären kann, findet typische falsche Erklärungen für das eigene Elend. Damit steht der Gangster-Rap der AfD, Wutbürger_innen und Co. viel näher, als mensch auf den ersten Blick glauben mag: Gemeinsam ist ihnen die individualistische, sozialdarwinistische Erklärung und „Lösung“ der eigenen Misere.

Obwohl die Jungs bloß durchschnittliche Repräsentanten des Patriarchats sind, verwundert und nervt es doch, dass Leute tatsächlich Geld ausgeben, um solche Typen und ihre Texte abzufeiern. Sie, hochgejubelte Charaktermasken der Kulturindustrie, bieten uns doch nur denselben Kack-Alltag, der uns fertigmacht, als Paradies wieder an: Männer_, die hart, mächtig, potent, risikobereit, gefährlich, einzelgängerisch und gefühlsarm sein sollen, Frauen_, Püppchen, hauptsache (sexuell) unterwerfbar. Klar, im modernen kapitalistischen Alltag sind die Anforderungen wesentlich komplexer – auseinandersetzen müssen sich mit diesen Geschlechterklischees aber trotzdem alle. Individuelle Bedürfnisse? Gefühle? Schwächen? Prozesse? – Fehlanzeige.

Angesichts der Geschichte des HipHop in Deutschland wäre gegen ein bisschen Gepose eigentlich gar nicht so viel zu sagen. Was spricht dagegen, dass Leute sich selbstbewusst präsentieren, sich verbal statt physisch battlen, und ihre zum Teil krasse Lebensrealität beschreiben? Das haben z.B. Advanced Chemistry in den 90ern ja schon vorgemacht. Ein wichtiger Unterschied zwischen ihnen und den heutigen, von ihren Plattenlabels herausgeputzten Gangster-Sternchen ist, dass sie irgendwo hin wollten mit ihrer Musik. Sie rappten aus ihrer gesellschaftlichen Position heraus, die beschriebenen Konflikte sind prozesshaft und lebensnah, ihre Themen waren Respekt und Selbstermächtigung, politische Auseinandersetzungen und antirassistische Kämpfe. À propos: Auch feministischer HipHop hat einiges zu bieten! Checkt die regelmäßige female HipHop-Sendung im FSK Hamburg.

Also, Kollegah, Haftbefehl, Prinz Porno und ihr anderen Wutbürger_innen mit Plattenvertrag: Gönnt euch mal ein bisschen mehr Selbstreflexion! Und allen anderen ein schönes Leben – ohne Patriarchat, Kapitalismus & Co.