Pünktlich zum Frauen*kampftag: Pille danach endlich rezeptfrei erhältlich

Kopiert aus der Süddeutschen:

„Frauen können nun auch in Deutschland die „Pille danach“ erhalten, ohne vorher einen Arzt aufzusuchen. Wer das Präparat erhält, wie die Beratung in der Apotheke aussieht und welche Nebenwirkungen es gibt.

Von Berit Uhlmann

Die Pille vergessen, das Kondom geplatzt, ungeschützten Sex gehabt: Wer fürchtet, ungewollt schwanger zu werden, kann unmittelbar nach dem Geschlechtsverkehr noch immer verhüten. Die „Pille danach“ ist in Deutschland seit Jahren zugelassen,nun wird sie auch aus der Rezeptpflicht entlassen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu der neuen Regelung.

Welche Präparate sind nun frei erhältlich?

Rezeptfrei erhältlich sind sowohl der ältere Wirkstoff Levonorgestrel (Handelsname PiDaNa) als auch das neuere Präparat Ulipristalacetat (Handelsname: ellaOne). Beide Präparate wirken umso zuverlässiger, je eher sie nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Ulipristalacetat wirkt maximal 120 Stunden nach dem Sex, Levonorgestrel nur 72 Stunden. Dieses recht enge Zeitfenster war das Hauptargument dafür, die Abgabe der Pille danach zu vereinfachen und den Frauen den Gang zum Arzt zu ersparen.

Wo erhalten Frauen die Pille danach?

Das Notfall-Verhütungsmittel wird in allen Apotheken ausgegeben. Es kann allerdings nicht in Versand-Apotheken bestellt werden. Dagegen spricht aus Sicht des Gesetzgebers, dass der Versand zu lange dauert und die Frauen nicht persönlich beraten werden können.

Wer erhält die Pille danach?

Grundsätzlich soll die Pille danach nur an die betroffene Frau persönlich und nicht an Partner oder Eltern abgegeben werden. Bei Mädchen, die jünger als 14 Jahre sind, sollte jedoch das Einverständnis eines Erziehungsberechtigten vorliegen. Sie sollen außerdem einen Arzt aufsuchen. Eine vorsorgliche Abgabe für eventuelle Notfälle ist nicht vorgesehen. Die Frauen sollen in der Apotheke beraten werden.

Wie soll die Beratung in der Apotheke aussehen?

Nach Angaben der Apothekerkammer verfügen alle Apotheken über einen Beratungsraum, in dem das Gespräch diskret geführt werden kann. Nachts und am Wochenende bieten Apotheken allerdings nur einen Notdienst an. Kundinnen können dann in vielen Fällen lediglich durch ein Fenster kommunizieren.

Die Frauen müssen mit einer Reihe von persönlichen Fragen rechnen: Etwa wann genau sie ungeschützten Geschlechtsverkehr hatten und warum sie keine funktionierende Verhütungsmethode verwendet haben. Die Apotheker versuchen auch auszuschließen, dass die Frau schon schwanger ist und fragen deshalb nach Zeichen wie einer ausgebliebenen oder schwachen Monatsblutung. Vermuten die Apotheker gesundheitliche Probleme, eine Schwangerschaft, sexuellen Missbrauch oder große Wissenslücken hinsichtlich der Verhütung, sollen sie sie die Betroffenen an einen Arzt oder eine Beratungsstelle verweisen.

Muss die Pille danach selbst gezahlt werden?

Wie bisher bekommen Frauen und Mädchen bis zu ihrem 20. Geburtstag die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet. Sie müssen sich in dem Fall allerdings ein Rezept von einem Arzt ausstellen lassen. Wer älter ist, muss das Präparat selbst bezahlen.

Wie zuverlässig wirkt die Pille danach?

Möglich sind nur Schätzungen. Denn die Präparate bekommen Frauen, bei denen nicht klar ist, ob sie ohne die Einnahme tatsächlich schwanger geworden wären. Bei dem neueren Wirkstoff Ulipristalacetat sprechen bisherige Daten dafür, dass er zwei Drittel der unerwünschten Schwangerschaften verhindert. Denn er wirkt auch noch, wenn der Eisprung schon unmittelbar bevorsteht, zu einer Zeit, wo Levonorgestrel bereits versagt. Die ältere Pille hat nur dann einen sicheren Effekt, wenn sie etwa zwei Tage vor dem erwarteten Eisprung eingenommen wird.

Gibt es Nebenwirkungen?

Bei beiden Präparaten sind keine schwerwiegenden unerwünschten Wirkungen bekannt geworden. Es gibt laut WHO keine Hinweise auf ein erhöhtes Thromboserisiko. Auswirkungen kann das Präparat auf den aktuellen Monatszyklus haben; die Menstruation kann verfrüht oder verspätet auftreten. Bleibt sie länger als sieben Tage aus, sollten Frauen einen Schwangerschaftstest durchführen und einen Frauenarzt aufsuchen.

Was passiert, wenn die Frau die „Pille danach“ nimmt und unwissentlich bereits schwanger ist?

Beide Präparate verhindern oder verzögern einen Eisprung. Ist der Eisprung bereits erfolgt, bleiben sie wirkungslos. Weder unterbinden sie eine Befruchtung der Eizelle, noch den Transport der befruchteten Eizelle in die Gebärmutter, noch ihre Einnistung in die Uteruswand. Es gibt keine Hinweise, dass eine bestehende Schwangerschaft von der Pille beeinflusst wird. Damit unterscheiden sie sich von der Abtreibungspille RU-486 (Handelsname: Mifegyne). Sie beendet eine Schwangerschaft – in der Regel bis zur neunten Woche.

Werden künftig mehr Frauen die Pille danach nehmen?

Dafür, dass die Rezeptfreiheit die Hürden deutlich senkt, sprechen unter anderem Erfahrungen aus Norwegen: 1997 griffen nicht einmal 5000 Frauen zu der Pille. 2001, ein Jahr nach ihrer Freigabe, waren es mehr 70.000, sechs Jahre später 150.000.

Senkt die Notfallpille die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche?

Das Beispiel Norwegen zeigt zugleich, dass die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche im gleichen Zeitraum unverändert blieb. Ähnliche Entwicklungen wurden in Schweden und Schottland beobachtet. Die Gründe dafür sind nicht ganz klar. Vermutet wird, dass vor allem besonders vorsichtige Frauen die Pille danach nehmen, während Frauen, die die Verhütung häufiger vernachlässigen, auch von der Notfall-Pille keinen Gebrauch machen.

Verführt die Pille zu einem laxeren Umgang mit Sexualität und Verhütung?

Kaum etwas spricht dafür. Einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge, hatten nur 13 Prozent der Frauen, die die Pille danach einnahmen, nicht verhütet. Als Hauptgrund für den Griff zum Notfall-Medikament vermuten die Autoren der Umfrage „Verhütungsunfälle“, also geplatzte Kondome oder die vergessene Einnahme der Anti-Baby-Pille.

Frauen, denen die Pille danach prophylaktisch ausgehändigt wurde, zeigten keine erhöhten Raten von sexuell übertragbaren Krankheiten, wie eine US-Studie ergab. Eine britische Studie zeigte, dass die Aufklärung über die Notfallverhütung bei Teenagern keinen Einfluss darauf hatte, wann die Jugendlichen sexuell aktiv wurden.

Gibt es Alternativen zur Pille danach?

Es gibt eine „Spirale danach“, deren Kupferbeschichtung die Spermien schädigt und wahrscheinlich auch die Einnistung einer befruchteten Eizelle in den Uterus erschwert. Sie ist das zuverlässigste Mittel für den Notfall, aber auch das aufwändigste, denn die Spirale muss vom Gynäkologen gelegt werden. Die Hürde ist damit noch einmal höher.“