„Argumente“ gegen die Wahlmöglichkeit zur Abtreibung

nononoVielen Menschen gruselt vor dem Gemisch von AfD, radikalen Christ_innen, Gutmenschen, Nationalkonservativen und Antifeminist_innen, das gerade wieder verstärkt gegen nicht-strafverfolgte Abtreibung mobil macht. Trotzdem entspinnen sich – auch in der Linken – um Reproduktive Rechte oft Debatten, in denen die ewig gleichen „Argumente“ gegen Abtreibung unwidersprochen auf den Tisch kommen. Hier ein Best-of – mit ein paar Denkanstößen kommentiert. Diese Sammlung ist ursprünglich entstanden in einer AG der Gruppe la.ok, die sich leider inzwischen aufgelöst hat. Die Gedanken dazu sind nur sporadische Anregungen, keine abgeschlossenen Antworten. In diesem Sinne: Bildet Banden, bildet Diskussionsgruppen!

- “Abtreibung ist doch heute legal und gar kein Problem mehr”
Noch immer ist Abtreibung in der BRD verboten, nur unter bestimmten Bedingungen (“Indikationen”) bleibt sie straffrei für die schwangere Person und das medizinische Personal. Ein schlechter Kompromiss, der in der BRD im Zuge des Zusammenschlusses von BRD und DDR angesichts massiver feministischer Kämpfe und massiven Drucks christlich-konservativer Parteien geschlossen wurde. In der DDR war Abtreibung nämlich seit 1972 bis zur 12. Woche straffrei – um die Anzahl der Todesfälle bei illegalen Abtreibungen zu verringern. Noch immer ist es vielerorts, besonders auf dem Land oder in christlichen Gebieten (BaWü, WHV) oft sehr schwer, eine Abtreibungsklinik zu finden, mensch muss in andere Städte fahren oder sich vom Personal schikanieren lassen. Die Schikane beginnt übrigens schon häufig weit vorher, bei der Beschaffung der rezeptpflichtigen Pille danach zur Verhinderung einer Schwangerschaft. Für das Medikament, das in fast allen anderen EU-Staaten rezeptfrei erhältlich ist, muss mensch in der BRD noch immer einen Spießrutenlauf von dem_der Gynäkolog_in (zum Teil erst nach überflüssiger Untersuchung) zur Apotheker_in, oder zur Notfallambulanz (am Wochenende), absolvieren – sofern diese so gnädig sind, das Medikamen auszuhändigen – was regelmäßig nicht der Fall ist oder nur unter Vorwürfen und Kommentaren stattfindet.
Zusätzlich muss jede Person, die eine Schwangerschaft unterbrechen möchte, sich bei sozialer Indikation einer Zwangsberatung unterwerfen, die auch von Christ_innen, also Pro Life, “angeboten” wird. Auch von „Gehsteigberatung“, also Belästigung von Besucher_innen von Beratungsstellen und Kliniken, ist in letzter Zeit häufiger zu lesen. Schwangere, die noch nicht 18 Jahre alt sind, sind auf die Zustimmung der Erziehungsberechtigten oder das Wohlwollen des_der Gynäkolog_in angewiesen, der_die ihnen eine selbstständige Entscheidung zugestehen kann.

- “Abtreibungen sind selten – jedenfalls kenne ich keine, die_ mal abgetrieben hat.”
Das ist unwahrscheinlich. Eher reden die Personen nicht darüber, weil noch immer mit Verurteilungen oder doofen Kommentaren gerechnet werden muss. Es gibt kaum geschützte Räume, um über diese Erfahrung zu reden. In letzter Zeit waren Reproduktive Rechte auch wenig Thema in politischen feministischen und linken Debatten oder Kämpfen. 2011 gab es laut Statistischem Bundesamt in Deutschland knapp über 100000 als solche registrierte Abtreibungen. Wenn über Abtreibung debattiert wird, ist es gut, zu bedenken, dass Personen, die abgetrieben haben, anwesend sein könnten und vielleicht in besonderer Weise emotional in das Thema involviert sind, ohne sich outen zu wollen.

- ”Frauen, die ungewollt schwanger werden, sind selbst schuld, fahrlässig und unkontrolliert”
Sexualität ist in dieser Gesellschaft ambivalent belegt: Einerseits kann (und soll) sie, in einer marktrationalisierten Umgebung, ein Ort von Kontrollverlust, Enthemmtheit und Freiheit von Zweckoptimierung sein. Dass dabei das Rationale, Vorausschauende und Präventive – wie zum Beispiel Verhütung – situativ zurückgestellt werden kann, ist eine logische Folge. Andererseits ist diese erwünschte und erwartete Enthemmtheit durch ihre gesellschaftliche Seltenheit – wie auch durch gesellschaftliche Totalität, die alle Lebensbereiche durchdringt – auch so aufgeladen, dass die Performance mitsamt der zugehörigen (Geschlechter-)Rollen auch perfekt einstudiert sein will: Wie Genuss, körperliche Nähe und Lust auszusehen haben, ist mit ziemlich stereotypen Vorstellungen belegt. Die verschiedenen Rollen, die dabei Frauen_ zugeschrieben werden, kollidieren hierbei miteinander und führen zu den oben genannten Schuldzuschreibungen: Einerseits ist das biedere Hausfrauen-Klische der 50er noch präsent, demzufolge sich Frauen_ (z.B. vor Männern_, z.B. ihre Jungfräulichkeit) schützen müssen und keine eigenständige und aktive Sexualität haben. Andererseits prägten die ’68er ff in Abgrenzung dazu die Vorstellung von aktiven, selbstbewusst und selbstbestimmt herumvögelnden Frauen_, die heute einen selbstverständlichen Anspruch darstellt (z.B. den Anspruch geil zu sein, experimentierfreudig zu sein, auch, risikobereit zu sein). Aus dieser Mischung – und vielen anderen Aspekten der Rollenzuschreibungen – ergibt sich die falsche Vorstellung, Frauen_ hätten eine besondere Veranlagung und Verantwortung für Verhütung.
Schuldzuweisungen helfen aber Personen, die überlegen abzutreiben, nicht weiter. Schuldzuweisungen dienen innerhalb der obigen Argumentation nur als Maßregelung; der Zwang, schwanger zu bleiben, als Strafe für „unangemessenes“ Verhalten. Von einer Gesellschaft, die Individuen bestrafen will, statt soziale, lernfähige, souveräne Menschen in der Artikulation und Verhandlung ihrer Bedürfnisse zu unterstützen, ist nichts zu halten.
Gerade Personen, die mehrere Abtreibungen vornehmen lassen, wird oft Unkontrolliertheit oder “Schlampentum” unterstellt. Das Schwangerwerden hat aber nichts damit zu tun, wie oft jemand Geschlechtsverkehr hat: Es kann passieren, und es kann auch mehrmals passieren. Keine Verhütungsmethode ist 100% sicher.

- “Selbstbestimmung der Frau_ schön und gut, aber irgendwie ist es ja schon Mord, oder?”
Es geht Pro-Choice-Aktivist_innen nicht darum, philosophische Antworten darauf zu finden, wann das “Leben” und Individuum beginnt, sondern die lebenden Menschen nach ihren Bedürfnissen zu fragen. Die obige Argumentation geht notwendig zu Ungunsten der schwangeren Personen, weil sie sie komplett ignoriert – sie wird lediglich als Gefäß für ein vermeintlich entstehendes Leben angesehen. Je mehr pränataldiagonstische Verfahren gesellschaftlich durchgesetzt werden, desto eher werden Zellhaufen auch als Kinder, Persönlichkeiten angesehen, wie etwa der gewandelte Diskurs um “Sternenkinder” deutlich zeigt. Der Zellhaufen ist Projektionsfläche für alles mögliche – Glück, Erfolg, Rentenversicherung, Sinn des Lebens.
Abgänge vor dem dritten Monat sind total normal.
Dass Abtreibung – auch nach dem dritten Schwangerschaftsmonat – vielerorts nicht als “Mord” diskutiert wird, wenn das zukünftige Kind als “behindert” diagnostiziert wird, zeigt die gesellschaftliche Bedingtheit von Moral.
In den allermeisten Fällen haben Frauen_ keinen leichtfertigen Umgang mit Abtreibungen: Über die Hälfte der ungewollten Schwangerschaften werden nicht abgebrochen.

- “Eine Abtreibung ist für jede Frau_ – ob wissentlich oder unwissentlich – schlimm, weil sie damit gegen ihre natürlichen Muttergefühle handelt.”
Noch immer ist die Annahme weit verbreitet, dass alle Frauen_ mal Mutter_ werden oder werden wollen – das stimmt aber nicht. Diese Sichtweise ist sozialdarwinistisch; sie entsteht aus der Vorstellung, Frauen_ seien Tiere, die nicht selbstbestimmt und rational handeln, sondern Opfer von Biologie seien.
Manche Personen sind nach einer Abtreibung tatsächlich belastet, traurig oder setzen sich mit Eltern_schaft auseinander. Andere haben diese Gefühle überhaupt nicht, sondern wissen, dass sie keine Kinder wollen, haben keine moralischen Probleme, keine Schuldgefühle, sondern sind befreit und entlastet durch den Abbruch. Es kann bestärkend sein, körperlich-biologische Vorgänge nicht mehr als ein unabänderliches „Schicksal“ hinnehmen zu müssen, sondern die eigene Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit zu spüren. Der eigene Umgang mit einem Abbruch kann sehr unterschiedlich und auch widersprüchlich sein oder sich im Laufe der Zeit verändern.

- “Aber ich als Vater habe auch ein Wort mitzureden!”
In letzter Zeit werden Männerrechtsbewegungen immer stärker. Nicht-schwangere und niemals-schwangere Personen wollen darüber entscheiden, was eine schwangere Person mit ihrem Körper macht bzw. sind gekränkt, wenn sie ihre patriarchale Macht- und Besitzdemonstration nicht mehr unwidersprochen oder gar nicht mehr ausleben dürfen. Ganz klar: Dank der Frauen- und Lesbenbewegungen haben Männer_ alte Privilegien, wie die direkt-personale Verfügung über das Geld der Ehefrau, über ihren Körper (Durchsetzung von Vergewaltigung in der Ehe als Strafttatbestand 1997) und über ihre Arbeitskraft (notwendige Zustimmtung des Ehemanns zum Job bis 1957) verloren. Deshalb sehen sie Gleichberechtigung als gesellschaftlich durchgesetzt an – was die strukturell patriarchale und sexistische Verfasstheit dieser Gesellschaft ignoriert: Auf materieller Ebene beispielweise Lohnunterschied und Kinder für Frauen_ als Armutsrisiko, auf kultureller Ebene Street Harassment, kaum Anzeigen und noch weniger Strafverfolgung von Vergewaltigung sowie allgemeine und omnipräsente Herabwürdigung von Frauen_, Homos, Trans* und Queers. Wenn diesen Männern_ nun auch noch ihre Potenz, im Sinne von Kontrolle über Kinderproduktion, genommen wird, sehen sie sich endgültig als Opfer vermeintlicher Frauendominanz.
Dass die zu Männern gemachten Personen nicht nur von patriarchaler Gewalt und Heteronormativität profitieren, sondern gleichzeitig auch durch sie beschädigt werden, ist richtig. Männerrechtler leiten aus ihrem gesellschaftsbedingten Leiden aber einen – der patriarchalen Tradition entsprechenden – Hass auf individuelle Frauen_ wie auch auf Frauen_ allgemein ab und wenden ihre Situation dementsprechend reaktionär-repressiv.
Dabei wird immer ein Bild von einfühlsamen, lieben Wunsch-Papis gegen das Bild einer bösen gefühlskalt-mordenden Rabenmutter gezeichnet, die für ihre Karriere oder ihr indiviuelles Glück über “Leichen” geht. Und individuelles Glück über das Gemeinwohl zu stellen, geht in einer Volksgemeinschaft natürlich ü-ber-haupt-nicht!
Die schwangere Person wird in dieser Vorstellung zu einem Gefäß für das zukünftige/ vermeintliche Kind degradiert, die alle Gefahren, Nachteile und Nebenwirkungen von Schwangerschaft und Mutter_schaft erdulden muss – bis hin zur Akzeptanz ihres eigenen Todes. Eine völkische Ansicht mit Tradition: Für „Vaterland“/ Familie sogar den eigenen Tod in Kauf zu nehmen.

In einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft wäre es natürlich schöner, in wertschätzende, bedürfnisorientierte Zusammenhänge eingebettet zu sein, anstatt auf sich selbst gestellt eine, manchmal schwierige, Entscheidung für oder gegen Abtreibung treffen zu müssen. Es kann durchaus Situationen und Beziehungskonstellationen geben, in denen die schwangere Person gegen eine Fortführung der Schwangerschaft ist und ein_e Partner_in dafür und in der der Konflikt autoritär bearbeitet wird durch die Entscheidung der schwangeren Person. Zwischenmenschliche Beziehungen auf Augenhöhe können versuchen, auch die gegenseitigen Lebensentwürfe und die jeweiligen, unterschiedlichen Positionen innerhalb dieser strukturell patriarchalen Gesellschaftsordnung mit zu reflektieren und eine gemeinsame, sich gegenseitig respektierende, Entscheidung zu treffen.

- “Ungewollte Schwangerschaften sind ein Privatproblem, das auch privat gelöst werden kann und sollte. Auf der politischen Agenda sind Reproduktive Rechte in der BRD gerade nicht wichtig.”
Ungewollte Schwangerschaften betreffen alle Menschen, die potenziell schwanger werden können, z.B. durch geschlechtsspezifische Rollenzuweisungen beim Sexualverhalten (“Aufpassen müssen”, rational sein, nicht den Kopf abschalten, Nebenwirkungen von Verhütungsmitteln aushalten) und beim sozialen Miteinander (Monogam leben, Überlegen zu Heiraten, Zusammenziehen, einen doofen Job annehmen, weil er gut bezahlt ist…). Am staatlichen Umgang mit Abtreibungen zeigt sich besonders krass, was sonst wie selbstverständlich in dieser Gesellschaft durchgesetzt wird: Das staatliche Verfügungsrecht über den individuellen Körper. Trans*debatten, Knastkritik, Drogenpolitik oder Kämpfe gegen Zwangs-Verstümmelungen von Intersexuellen können an Pro Choice anknüpfen. Dass Menschen in dieser Gesellschaft nur Material ((Repro- und Lohn-)Arbeitskraft und Konsument_in) sind, wird am Beispiel Abtreibung besonders offensichtlich.
Die ebenfalls anknüpfenden Debatten über Gen- und Reproduktionstechnologie behandeln Kritiken an Pharmaindustrie, die notwendig global gedacht werden müssen, wenn Menschen auf anderen Kontinenten medizinischen Versuchen ausgesetzt waren und sind, um hier Medikamente auf den Markt werfen zu können. Als bevölkerungspolitische Frage ist der Kampf für freie Abtreibungsmöglichkeiten verknüpft mit der Analyse von eugenischen oder neoliberal-eugenischen (z.B. über finanzielle Förderung von Eliten-Kindern (Elterngeld)) Debatten. Gleichzeitig wird eine große Zahl von Menschen noch gegen ihren Willen daran gehindert, Kinder zu haben – weil sie als “behindert” angesehen werden, wird ihnen unwissentlich die “Pille” verabreicht etc. Oder in großen Sterilisationskampagnen werden Frauen_, oft unter lebensbedrohlichen Bedingungen, operiert – also bevölkerungspolitische Maßnahme, die sich aus der wirtschaftlichen Situation vor Ort ergibt.
Spannend – und bedrückend – ist auch die Mischung, die sich gerade für das Verbot von Abtreibung in der BRD zusammengetan hat: Die erstarkende AfD ist ganz vorne mit dabei, wodurch ein Verbot von Abtreibung innerhalb der nächsten Jahre wieder zu einer denkbaren Möglichkeit wird. Auch wenn die AfD noch ein unbeliebtes Rechtsaußen darstellt, ist sie schon jetzt eine wichtige Stichwortgeberin für rechte Polemiken und “Tabubrüche”, an die sich die sogenannten gemäßigten Parteien anhängen können.

Lesetipps:
- Jetzt kein Kind. Warum Abtreibung eine positive Entscheidung sein kann. Patricia Lunneborg. Campus Verlag, Frankfurt/Main 1996.
- Traurig und befreit zugleich. Von Marina Knopf, Elfie Mayer und Elsbeth Meyer, Familienplanungszentrum Hamburg
- Das hätte nicht noch mal passieren dürfen! Wiederholte Schwangerschaftsabbrüche und was dahinter steckt Elsbeth Meyer, Susanne von Paczensky, Renate Sadrozinski
- Clio. Die Zeitschrift für Frauengesundheit. Frauen – Körper – Politik. Hrsg.: Feministisches Frauen Gesundheits Zentrum e.V. Berlin