Was geht?

Republicans
Zwei Ausstellungen, eine Demo, ein schlampiges Ostertreffen!

Noch bis zum 1.6.2014 gibt es eine lohnenswerte Ausstellung mit dem vagen Titel „Archivsplitter: Frauen. Männer. Macht.“ in der Weserburg. Der Eintritt ist frei. Unterschiedlichste Archive haben ihre Bestände zum Thema durchsucht und eine bunte, irgendwie willkürliche Mischung zusammengetragen. Die Themeninseln wie „Arbeit/ Wirtschaft“, „Bildung“, „Medien“, „Recht“ oder „Sport“ bilden ein kommentarlos nebeneinander gesetztes Sammelsurium von allem, was mehr oder weniger mit Geschlecht zu tun habe könnte, vom Nationalsozialismus über das Bremer Schaffermahl oder Boy George. Für Uneingeweihte kann diese Ausstellung wenig mehr bieten als Schlagworte. Der §218 (und der Kampf gegen ihn) darf dabei als eines davon natürlich nicht fehlen, wie das Plakat der Guerrilla Girls drastisch zeigt. Verortet im US-amerikanischen Kontext, greift die Künstlerinnengruppe das Thema „Reproduktive Rechte“ ironisch, und deswegen nicht weniger schockierend realitätsbezogen, auf.
Reizvoll ist an der Ausstellung trotz der Konzeptlosigkeit, dass sie neugierig auf Regionalgeschichte macht – und dabei die Kostbarkeiten der Archive nicht stumpf im heimeligen „Früher war alles besser“-Gestus präsentiert, sondern die Archivsplitter auch (selbst)kritisch präsentiert. Bei der Betrachtung der in Glaskästen entrückten Ausstellungsobjekte wird die sich aufdrängende Frage etwa, warum es eigentlich heute keine Frauenwoche mehr an der Bremer Uni gibt, keine rein nostalgische, sondern beantwortet sich mit den ausgestellten Fragmenten zugleich selbst: Weil es heute etwas anderen bedürfte. Der von der Ausstellung gesetzte Impuls, selbst aktiv zu werden, den Feminismus aus den Glaskästen zu reißen und sich auf die „Schultern der Riesinnen“ zu stellen, bleibt. Ob beim Thema Sexarbeit, nicht-heterosexuelle Subkultur oder Hausarbeit: Die Ausstellungsobjekte inspirieren zum Selber-Weiter-Denken.

Vom 18.-21.4. treffen sich FrauenLesebenTrans* zum schlampigen Ostertreffen im Mädchenkulturhaus in der Heinrichstraße. Die sympathisch offene, niedrigschwellige Einladung kommt aus dem Umfeld der Zeitschrift KRAKE und der Polytanten. Diese sind in der großen Poly-/ Hippie-/ Freie Liebe-Landschaft was ganz schön Besonderes – denn dafür, dass sie sich so viel mit Liebe, Romantik, Beziehungen und Co. beschäftigen, haben sie erfrischend viel Gesellschaft, Bevölkerungspolitik und Kapitalismus aufm Schirm. Statt sich in selbstbezüglicher (!) Bedürfnispolitik zu verirren, fragen sie auch nach gesellschaftlichen Strukturen, die unseren Alltag durchdringen und prägen: Leistungsdruck, Konkurrenz, Absicherung von Verfügungsgewalt, Vereinzelung – und machen dabei vor allem Lust auf eines: Zwischenmenschliche Beziehungen verhandeln und das: üben, üben, üben.

Gespannt sein kann mensch auch auf die Ausstellung „Die Hälfte des Himmels: 99 Frauen und du“, ab dem 23.4. in der Bremischen Bürgerschaft. Das offenbar gut konzipierte, einfühlsame und pro-feministische Konzept wird allerdings gerahmt von einem gruseligen Eröffnungsvortrag: Dr. Petra Brzank: „Gewalt kostet. Geld, Gesundheit, Arbeitszeit, Lebensfreude. Sozioökonomische Folgen und gesellschaftliche Kosten von Gewalt gegen Frauen.“ Irgendwie klar, dass der Staat sich beim Thema „Gewalt gegen Staatsbürger_innen“ nicht um die Bedürfnisse der Einzelnen sorgt, sondern um die aus der Beschädigung entstehenden Kosten. Trotzdem: in seiner Offenherzigkeit sehr zynisch. Der Titel bringt auf den Punkt, wie individuelle Unversehrtheit für den Staat nur unter dem Gesichtspunkt von Verwertbarkeit der Einzelnen auf dem Arbeitsmarkt wichtig wird. Der eigentlich positive Begriff der „Lebensfreude“ ist an dieser Stelle nichts anderes als ein Mittel zur Wiederherstellung der eigenen Arbeitskraft. Mal schauen, ob die Ausstellung mit den verschiedenen Portraits dagegenhalten kann.

Das Bündnis für die Take Back the Night-Demo am 30.4. in Bremen hat einen Aufruf veröffentlicht. Der Text lädt ein zu FrauenLesbenTrans*Inter-Demo, Workshops und Konzert. Sympathisch ist die Weiterführung der Walpurgisnacht-Traditionen in nicht-esoterischen Bahnen auf jeden Fall. Spannender, aussagekräftiger wird der aktuelle Bremer Aufruf jedoch noch, wenn er ins Verhältnis zu vorherigen Aktionen, Aufrufen und Strömungen rund um den 30.4. gesetzt wird. So findet sich auf freilassung.de eine große Sammlung rund um die Rote Zora, die eine bis heute ähnlich gebliebene Problemlage in kapitalistisch-patriarchalen Verhältnissen beschreibt, während sich die Aktivist_innen aber eine deutlich höhere Wirkmächtigkeit und Handlungsfähigkeit zutrauen bzw. diese durchsetzten. Die Forderung nach dem „Recht auf Uneindeutigkeit“ und der Impuls „Lasst uns die Straßen verqueeren!“ (Take Back The Night 2014) zielen auf eine deutlich andere Leser_innenschaft und eine (vermeintlich?) andere Problemlage als beispielsweise das Bekenner_innenschreiben zum Bombenanschlag der „Walpurgisnacht“ 1977: „Unser traum ist, daß es überall kleine frauenbanden gibt – so daß in jeder stadt ein vergewaltiger, ein prügelnder ehemann, ein frauenfeindlicher zeitungsverleger, ein pornohändler, ein schweinischer frauenarzt damit rechnen und sich davor fürchten müßte, daß eine bande frauen ihn aufspürt, ihn angreift, ihn öffentlich bekannt und lächerlich macht“ (Rote Zora 1977, zitiert nach O. Tolmein/ Konkret – sehr lesenswert!). Trotz aller Kritik an der Esoterik, an der Heteronormativität, der Militanz oder am Antiimperialismus der früheren Frauen_bewegten – viele Themen und Fragen sind nicht neu, und ein Blick in die Geschichte lohnt sich zur Erweiterung der eigenen Perspektiven und Handlungsspielräume. Einen Denkanstoß in eine ganz andere Richtung gibt der Blog Theorie als Praxis, wenn auch sehr knapp und mit wenig besseren Ideen.

Viel Spaß beim Schmökern!