Das Patriarchat ausknocken!

K.O.-Tropfen im Viertel – mal wieder

Mal wieder geht um, dass in einer Mehr-oder-weniger-Szenekneipe im Viertel einer Person k.o.-Tropfen verabreicht worden sind. Mal wieder Beklommenheit und ohnmächtige Wut darüber, dass ein Mensch gezielt einen anderen Menschen handlungsunfähig gemacht hat, um ihm_ihr zu schaden. Mal wieder reden alle von ihrem Vorsatz, gut auf sich und andere „aufzupassen“.

„Passt auf einander auf“?

K.O.-Tropfen wirken sehr unterschiedlich: Sie können Menschen einfach bewusstlos machen, ihnen Erinnerung rauben oder sie auch in einen Zustand bringen, in dem sie entscheidungsfähig und bewusst wirken, tatsächlich aber manipulierbar und unkontrolliert sind. Auch eine lebensbedrohliche Wirkung ist möglich und wird von den Personen, die sie einsetzen, in Kauf genommen. Mehr Infos zur Wirkung hier.

Der naheliegende Impuls, sich und andere vor einem Angriff mit K.O.-Tropfen schützen zu wollen, indem mensch „auf einander aufpasst“, ist an sich gut: Gemeinsam, aufmerksam und solidarisch kann mensch sich häufig sicherer und dementsprechend gelassener bewegen. Trotzdem veranschaulicht dieses „Aufpassen“ auch ein Dilemma feministischer Abwehrpraxis.

Die falsche Vorstellung, wir könnten in jeder Situation erfolgreich aufeinander aufpassen, verschiebt den Fokus weg von der Handlung des Täters hin zur vermeintlichen Verantwortung der Betroffenen. Auch Nicht-Betroffene müssen sich damit auseinandersetzen, potenziell Betroffene zu sein. In dieser, strukturell patriarchalen, Gesellschaft sind es vor allem Frauen_, die sich die eigene Angreifbarkeit immer wieder vor Augen führen müssen. Das drückt sich in verschiedenen Selbstbeschränkungen aus: nicht alleine wegzugehen, nur zusammen nach Hause zu gehen oder Kontrollanrufe zu abzusprechen, permanent auf Getränke aufzupassen und z.B. deswegen nicht tanzen zu gehen, neuen Bekanntschaften misstrauisch zu begegnen. Letztendlich läuft es auf eine Zurückdrängung der Frauen_ aus dem öffentlichen Raum hinaus – finde ich keine Freund_in, die mit mit ausgeht, bleib‘ ich halt zuhaus. Die dem „Aufpassen“ innewohnende Logik – sich schützen müssen, allzeit abwehrbereit sein müssen – verdreht die Realität: Wenn ich mir von einem Unbekannten ein Getränk habe ausgeben lassen, bleibt ER der Täter – und nicht ich trage die Verantwortung, weil ich eben mal nicht „aufgepasst“ habe.

Frauen_rollen im strukturellen Patriarchat

Die eigene Disziplinierung und Kontrolle noch nachts auf Partys und in Kneipen ist eine Fortführung der Selbstkontrolle, die Frauen eh schon abverlangt wird. An Orten, an denen mensch eigentlich Lust auf Kontakt, Kommunikation und Kennenlernen haben könnte, müssen die potenziell Betroffenen noch permanent sich und ihr Umfeld auf mögliche Gefahren prüfen. Analog kennt mensch das ja schon vom Hetero-Sex: Während die patriarchale Ordnung den männlichen Part als ungebremst, militärisch-aggressiv imaginiert (und ja auch sich real entsprechend verhaltende Individuen hervorbringt), wird dem weiblichen Part die zurückhaltende, unterlegene und auch sich schützen-müssende (z.B. vor einer möglichen Schwangerschaft) Rolle zugeschrieben. Dies drückt sich dann beispielsweise darin aus, dass Frauen_ die Verantwortung für eine ungewollte Schwangerschaft zugeschrieben wird – und nicht den genauso beteiligten Männern.

Zum Kotzen ist die – berechtigte – Panik vor K.O.-Tropfen auch, weil sie vor Augen führt, dass wir nicht einfach so tanzen gehen und Spaß haben können – sondern durch andere zuerst und gegen unseren Willen als sexuelle und sexuell begehrbare Wesen gedacht werden und uns damit auseinandersetzen müssen. Weil Sexualität im strukturellen Patriarchat einen tendenziell beschädigenden Charakter hat, nicht nur für Frauen_, aber insbesondere für sie, ist Flirten, Baggern und die Präsenz von Körper eben nicht nur nett, sondern muss mit Gefahr assoziiert werden.

Die Verabreichung von K.O.-Tropfen, um andere zu unterwerfen und häufig auch, um sexualisierte Gewalt auszuüben – zumeist durch männliche Täter oder Täternetzwerke (siehe das ausführliche Interview mit einer Betroffenen von 2013) – ist die konkretisierte Durchsetzung strukturell patriarchaler Macht. Die Verabreichung von K.O.-Tropfen ist die Zuspitzung dessen, was in diesen strukturell patriarchalen Verhältnissen sowieso schon täglich stattfindet: Dass Frauen zu Objekten gemacht werden. Wird uns z.B. sowieso schon nur eingeschränkte Entscheidungsfähigkeit, Handlungsmacht, Autonomie zugeschrieben, wird dies zugespitzt im narkotisierten, real wehrlosen und handlungsunfähigen Zustand.

Wir können nicht jedes Mal nur betroffen sein! – Mit Phantasie und Wut Straßen & Kneipen zurückerobern

Lasst uns aufeinander aufpassen, im Bewusstsein dieser Widersprüchlichkeiten. Wenn euch Personen oder Personengruppen auffallen oder jemand an Getränken hantiert – greift ein! Fragt nach, wenn ihr das Gefühl habt, einer Person geht es nicht gut.
Aber lasst uns auch darüber hinaus phantasievoll & kampflustig sein! Warum verhalten sich die Kneipen, in denen K.O.-Tropfen eingesetzt wurden, nicht dazu? Warum gibt es so wenig weibliche und sensibilisierte Türsteher_innen, die ansprechbar sind? Warum gibt es keine präsenten Statements in den Kneipen & Diskos, die die Täter aus der Unsichtbarkeit holen, ähnlich der Kampagne der Bremer Bäder?

Symbolisch nehmen wir uns gemeinsam die Nacht zurück – am Vorabend des 1. Mai. Merkt euch schonmal vor: Für den 30.4. werden Aktivitäten zu einer Take-Back-The-Night-Demo in Bremen geplant! Sie ist der offensive Umgang mit der Zurückdrängung von FrauenLesbenTrans* aus öffentlichen Räumen – vor allem abends und nachts, mit dem Verweis darauf, dass es dort für uns gefährlich sei. Gemeinsam und lautstark gegen die alltäglichen patriarchalen Strukturen und die, die sie durchsetzen!

Erkämpft wurde auch das Frauen-Nacht-Taxi in Bremen. Damit sich mehr Frauen und Kinder (bis 14 Jahre) zwischen 18.00 Uhr und 6.00Uhr einen sicheren Heimweg leisten können, fahren sie mit 20-30% Rabatt. Telefonnummer Taxi-Ruf 0421 13334 und Taxi Roland 0421 14433. Beim Einstiegen in ein bereits wartendes Taxi gilt der Tarif nicht.

By the way: Weil Vergewaltigung ein Offizialdelikt ist, bei dem die Staatsanwaltschaft ermitteln muss (auch ohne, dass die betroffene Person eine Anzeige stellt oder auch gegen ihren Willen), wenden sich viele Betroffene nicht an helfende Einrichtungen. Bei der anonymen Spurensicherung können Spuren anonym (und also ohne Ermittlung und Zwangs-Aussage der Betroffenen) gesichert werden, sodass die Person sich für einen späteren Zeitpunkt offenhalten kann, eine Anzeige zu stellen.